retro

By klapperschlange

einige tage her, dass wir – du feuer, ich pein – im telegraphen saßen. ungezählter kaffee, aber erster kabellos öffentlicher netzzugang. weniger dieser nachmittag – ausgenommen das orgelkonzert – als unser varieté, dessen vorhänge sich immer wieder öffneten und sich jedesmal ein anderes spektakel – prismatisch, bunt , skurril, auch sanft – in unsere tage ergoss. sie sind vorüber, aber geblieben ist mir ein hauch des rausches, den in worte zu fassen schwierig; jedoch: klatschmohnroter stoff im winde pulsierend aufgeworfen und abgetragen, geschaffen und zerstört.

die letzten tage habe ich fast täglich gearbeitet. weihnachtsdekoration im leipziger hauptbahnhof. aushilfen nennen sie uns. einmal, glaube ich, hat einer gehilfe gesagt. wir sind die handlanger der hauptberuflichen dekorateure. wobei sich bei den dimensionen des bahnhofs die aufgaben nicht sehr unterscheiden. einige fahren weihnachtsbäume vom dachboden in die osthalle, andere richten die zweige, andere legen watte, andere hängen kugeln, andere lichterketten, bauen zäune, streichen, heben, steigen, sitzen, …

schon viel früher hätte ich arbeiten sollen, des nebenjobs finanziell bedürfen müssen. es ist erfrischend, auch sinngebend. der horizont der arbeit ist die lektüre und umgekehrt. so wird das lesen wieder zu einer erfahrung, zu einem erlebnis, zu einer freude. und. mit der arbeit weitet sich mein leben: kollegen, gespräche, neuigkeiten, umgangsformen, bewegung.

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